OTARI MX-55 neu bei mir - JECKLIN-Scheibe oder SCHNEIDER-Scheibe?

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hanns-d.pizonka:
Hallo an alle Liebhaber von schweren Gross-Spulern,

und nochmals vielen "Herzlichen Dank" an Matthias M. für seine Fahrerei und Schlepperei. Denn er hat mir zu der Otari verholfen, deren Qualitäten hier unter Forummitgliedern gewaltig unterschätzt werden. Revox B77, PR99 und A700 habe ich schon lange mit wenig Zufriedenheit hinter mich gelassen und ein Telefunken-Koloss von 53 Kilogramm wie die M15 erhält bei mir keinen "Wohnberechtigungsschein". Die A77 darf in den drei Versionen Halbspur 9,5/19, Vierspur 9,5/19 und Halbspur 19/38 auf ewig bei mir bleiben, denn damit wird gebastelt (Elektronik-Modifikationen und neue geänderte Bandführungen, denn wer fährt schon mit angezogener Handbremse sein Auto. Bei der Studer A807 hat man die rechte Führung nicht ohne Grund zur Rolle gemacht, oder sehe ich das falsch? Zählimpulsgeber?)

Die Otari MX-55 wiegt gerade mal 30 Kilogramm. Und das ist mir schon zuviel, aber was nimmt man nicht alles in Kauf, damit ich noch in diesem Jahr mit dieser Maschine mit 76 Zentimeter je Sekunde Bandgeschwindigkeit einen Kirchenchor mitschneiden darf. Für die fliegende "Überblednung" habe ich eine zweite baugleiche Otari vorgesehen (befindet sich gerade in der "Inspektion").
Die Steuerung vom direkt getriebenen Tonmotor bei der MX-55 lässt durch Kombination von innerer Verstellung (über DIP-Schalter) und äusserer  Verstellung mit dem Wechsel von FIX auf Stellung VEM stufenlos beliebige Geschwindigkeiten für Aufnahme und Wiedergabe von 3 Zoll bis 30 Zoll je Sekunde zu, und das ist mit einem inkrementalern Drehwertgeber einstellbar mit 0,01 Zoll Auflösung. Wofür das gut sein soll? Na, das wird mir doch jemand von euch beibringen können. Vielleicht will ich den Kammerton a nach erfolgter Aufnahme von 440 Hertz auf 435 Hertz verlegen?

Ich Moment grübel ich nur, ob für meine Chor-Aufnahme meine geliebte Scheibe des Herrn Jecklin  oder die neue des Herrn Schneider zu favorisieren ist. Wer hat mit den Variationen der Schneider-Scheibe schon Erfahrungen gesammelt? Lohnt der Aufwand mit den Acrylglas-Zuschnitten?

Inzwischen habe ich ein rundes Dutzend meiner älteren Aufnahmen an meine Ohren rangelassen und war enttäuscht. Nicht über die Klangqualität, die ist für meine Ohren frischer und knackiger im Klang als über meine heutige A77 HS Nr. 286355 (beide male in der IEC-Stellung). Warum das so ist, das werden in der kommenden Woche die ersten Messungen mit Rechteck-Signalen zeigen (Arndt Klingelnberg? bei theimann.com lässt aus den siebzigern grüssen), vielleicht schönt die A77 HS? Meine Enttäuschung bezieht sich auf den Abrieb, den einige alte Scotch-Bänder an den Schlaufenfängern mit nur 4,9 Millimeter Durchmesser hinterlassen. Umspulen ist ohne extrem sehr viel Abrieb bei schmierenden Bändern überhaupt nicht möglich. An den Köpfen finde ich dabei ebenso wie an den drei Bandführungen keinen nennenswerten Abrieb.

Im Netz habe ich eine Otari (MX-50 oder doch MX-55?) entdeckt, bei der vom Besitzer das Abrieb-Problem der Schlaufenfänger mit grösseren Rollen (wahrscheinlich mit Kugellagern? ist nicht zu erkennen) auf Null reduziert wurde. Wenn hier jemand etwas weiss, die richtigen Drehteile, die richtige Höhe, die passende Gewindebefestigung und so fort, der könnte mir/dem Dreher unnötige Arbeit und Zeit  und Tüftelei ersparen.

Ein Bild über die Schlaufenfänger folgt am Ende. Am Ende der Fragezeichen sind die Umlenkrollen/Umlenkstifte zu sehen, oben die Originalversion und unten die Modifikation mit den Messing-(?)-Rollen (?). Mein Nahaufnahme-Foto zeigt die interessante Anordnung und Unterbringung der Vierspur-Abhörkopfes zwischen Zweispur-Aufnahme und dem Zweispur-Wiedergabekopf. Meine Maschinen haben keine Bandschneide-Scheren (mehr?) obwohl sie im Innern mit Bandschnibbel-Resten beglückt waren.

MFG
H A N N S -D.

kreiserdiver:
Hallo Hanns-D. !

Daß die Otari eine gute Maschine ist, predige ich hier ja auch schon seit Jahren.

Mit dem Abrieb hatte ich bisher keine großen Probleme, da ich fast ausschliesslich Studioband von BASF verwende.
Bei Shamrock Bändern fliegen allerdings die Fetzen.
Sony und Scotch Bänder sind auch zuweilen problematisch, auch einige Revox Bänder made by Scotch haben das Problem.
Schade um die Aufnahmen...

Viele Grüße,

Ralf.

PhonoMax:
Lieber Hanns-D.,

deine Frage zur Schneider-Scheibe ist immer noch offen. Nachdem ich mit Herrn Schneider zwar Erfahrungen habe, nicht aber mit seiner Scheibe, sah ich zunächst Anlass zur Zurückhaltung, weshalb meine Stellungnahme erst verspätet erfolgt. Eben weil sich sonst niemand rührte.

Du weißt wahrscheinlich, dass Jecklins Scheibe aufgrund ihrer ungünstigen Akustikhärte und der dadurch entstehenden Kammfiltereffekte (Distanz Scheibe-> Membran) nicht mehr den Ruf genießt, den Jecklin ihr anfänglich zugedacht hatte. Man spricht von Verfärbungen, die 'zu stark' seien.
Dem Problem ging ein Vortrag auf der Tonmeistertagung  1990 nach, der indirekt auch die Schneiderscheibe (Ausfüllung des Raumes zwischen Kapsel und Scheibe) behandelt. Sieht man sich aber die Verzipfelungen des Diffusfeldfrequenzganges der Scheibe im Vergleich zum heute gängigen AB-Verfahren an, so nimmt sich das eigentlich nichts, von spezifischen Nachteilen des AB-Verfahrens bei der Ortung einmal ganz abgesehen. Trotzdem 'klingt' AB; das aber auch nur deswegen, weil die nicht-korrelierten Signale dem Ohr seitliche Reflexe vorgaukeln, die es in der Aufnahme als solche (und in der Wiedergabe durch eine [1] Lautsprecherebene!) -eigentlich- nicht gibt. Ähnlich sehe ich das bei der Scheibe: Auch sie baut etwas ein (nämlich Kammfiltererscheinungen), die so am originalen Aufnahmeort nicht vorhanden waren. Die originalen Kammfiltererscheineungen waren aber da und das nicht zu knapp. Nur: Man nimmt sie nicht wahr. Die Scheibe aber fügt etwas hinzu, was das Ohr offenbar mitunter doch als 'nicht zum Original gehörig' identifizieren kann. Das zurückzudrängen bemühen sich die Ausfüllungen, die Manfred Schneider zwischen Kapsel und Scheibe vorsah.

Auch die Scheibe ist eben etwas zum 'Hinhören'; wenn sie sich eignet, kann man sie gut nehmen, wenn nicht, lässt man halt davon. Schneider dto. Lästig ist für die tägliche Tretmüle, dass der Aufnahmewinkel bei der Scheibe schlecht bzw. nicht justabel ist. Man muss die Schallquellenausdehnung durch die Mikrofonentfernung zur Schallquelle justieren, was schnell an akustische Grenzen eines (nicht-studiomäßig angelegten) Raumes stößt. Bei einem Chor sieht das nicht so dramatisch aus, weil man den recht gut auseinanderziehen oder zusammenschieben kann.

Wichtig ist bei der Scheibe der Blick auf die Entstehungszeit, die eben noch in die Koinzidenzepoche fällt, die sich in Hauptmikrofon-Nieren erging, weil monokompatible Aufnahmen gefragt waren. Das geht bei Jecklin noch ganz gut, aber: Er verwendet Kugeln, deren technisch überschaubarere Beschaffenheit klanglich wesentlich bessere Ergebnisse erbringen kann als diejenige der Nieren, in die immer die subjektiven Vorlieben des Konstrukteurs eingehen müssen. Jecklin war der erste am Ende der Konzidenzepoche, der wieder auf diese qualitative Rolle hinwies. Und er behielt Recht! Wie übrigens auch Thomas Lechner, der am Ende seines Vortrages eine damals deutlich (auch von Sitzungsleiter) angegriffene Empfehlung vertrat, die heute fast einen Standard der Aufnahmepraxis darstellt.

Bibliografie des Aufsatzes:

Thomas Lechner, Klangeigenschaften und Richtungsabbildung von Stereo-Mikrofonanordnungen mit Druckempfängern, in: Bericht 16. Tonmeistertagung, Karlsruhe 1990. München etc. 1991, S. 260-272.


Hans-Joachim

Michael Franz:
Hallo Hans,
wer unterschätzt den die Otaris? Ich habe seit geraumer Zeit ein MB56, also die MX55-Schwester mit deutscher Schichtlage. Dann kamen noch MX55 dazu, allerdings ohne VUs und seit der Gewalttour von MatthiasM (morgens um zwei kam er an ....und ist gleich wieder weiter) nun auch die VU-Version. Ich denke, diese Otaris geniessen durchaus ein großes Renomée. Lediglich die MX5050 kommt - im Vergleich zur 55er - etwas schlechter weg, da deutlich abgespeckt.

Hier die A oder B77 als Vergleich heranzuziehen ist diesen Geräten etwas unfair. Waren doch die Revoxe Amateurgeräte. Daß man sie ganz selbstverständlich mit Studiomaßstäben misst ist eine andere Sache.

Wie auch immer, die Otaris sind schon tolle Maschinen und ich will sie nicht mehr missen.

Du hast die Deine doch repariert oder zumindet gewartet. Wie beurteilst Du sie von der Wartungsfreundlichkeit her? Für bestimmte Aufgaben braucht man doch eine Verlängerungsplatine oder sowas in der Richtung.

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